15 June 2021
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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   Cocon KulturvereinArchivPresse/WEB20072007-04 Vienna Review

von Vienna Review/ Alexandra Ruths, Anna Claessen, übersetzt von B. Lassy

 

  Es ist heiß, laut, eine türkische Hochzeit und Theater. Es ist sozio-experimentales Theater. Vor dem Eingang des Ragnarhofes in der Grundsteingasse 12 im 16. Bezirk nicht weit von der Thaliastraße prüfen wir noch einmal die Adresse auf der Einladung.

  Wir folgen der Menge über einen engen Stiegenaufgang in den oberen Stock wo schon Sesselreihen auf uns warten, links für die Männer rechts für die Frauen. Junge Männer und Frauen stehen im Spalier um die Gäste lautstark zu empfangen. Sie werfen Rosenblätter und Reis zum Rhythmus von Trommeln in die Luft. Alles was eine türkische Hochzeit benötigt war da und doch war es Theater, Theater kombiniert mit Ritualen wie Eva Brenner erklärt. Brenner ist die kreative Energie die hinter dem Experimentaltheater Fleischerei steckt und produziert wie Sie es nennt Hochzeitstheater. Es ist auch politische Aktion. Die Regisseurinnen Emel Heinreich von Cocon (korr. B. Lassy) und Asli Kislal vom Experimentaltheater "Das Kunst" haben das Projekt verwendet um die Problematik der Zwangsheirat und die präkeren Folgen für das leben junger Türkinnen der zweiten und dritten Generation aufzuzeigen. Der Rahmen des Projekts soll den meist betroffenen jungen türkischen Frauen die Möglichkeit geben Ihren Widerstand Gehör zu verschaffen.

  "Rituale wie Hochzeiten sind tief verwurzelt in der Migrationskultur", sagt Brenner, "und Migration und Immigration sind die heißen Themen unserer Zeit". Nach der Aufführung eines afrikanischen und eines chinesischen Hochzeitrituals ist die türkische Hochzeit der dritte Schwerpunkt der sozioexperimentalen Theaterrituale auf der Bühne. Trotz der schätzungsweise 100 Gäste, eine unglaubliche Zahl für einen Platz dieser Größe, konnten wir uns zwei Sessel an der Seite organisieren um aus der Menge genau vor dem Beginn des Rituals (oder war es doch Theater) auszubrechen.

  Während die letzen Gäste ankommen und nach einem Platz suchen beginnen die jungen Schauspieler einen ausgelassenen Tanz rund um den Sessel des jungen Bräutigams der in der Mitte platziert ist und kündigen die Ankunft der Braut an. Persische Teppiche, Kerzen, gedämpftes Licht und drei Musiker die mit orientalischer Musik die festliche Stimmung untermalen. Zwei Beamer projizieren die Szenen, die die Kameraleute einfangen, links und rechts auf die Wand und vergrößern damit die Bühne, deutsche Untertitel übersetzen türkische Passagen. Die Hochzeitsgäste erzählen auf deutsch persönliche Geschichten, und berichten über Zwänge, die Braut und der Bräutigam erzählen und singen auf türkisch.

  Während des Rituals werden die Erlebnisse von fünf Hochzeitsgästen ausgebreitet. Zuerst gibt es die Brautjungfer, ein österreichisches Mädchen, die verzweifelt verliebt in einen türkischen Jungen ist, dessen Eltern Sie nicht akzeptieren würden.

  Ihre beste Freundin ist eine junge türkische Frau die als Tochter einer immigrierten Familie in Wien aufgewachsen ist. Sie wurde sehr streng ohne Freiheiten erzogen während Ihre Brüder alles tun durften was Sie wollten.

  Eine etwas ältere türkische Frau setze sich mit Unterdrückung und das verlangen nach Gleichberechtigung auseinander. Mit "Wie ich es doch hasste ein Mädchen zu sein" begann Sie einen aufwühlenden Monolog. Mit sechzehn musste Sie einen fünfzig-jährigen Mann heiraten der Sie andauernd unterdrückte. Mit dreißig erkämpfte Sie sich Ihre Freiheit, Sie lies sich scheiden. Jetzt kämpft Sie dafür dass Ihre Tochter es liebt ein Mädchen zu sein.

  Wir wurden ziemlich schnell von Ihren Erinnerungen zurück in die Gegenwart gebracht als der Brautvater Sie versuchte von der Hochzeit wegen Ihrer "verdammenswerten" Unabhängigkeit zu entfernen. "Jetzt wo ich frei bin willst du mich nicht mehr akzeptieren" schreit Sie frustriert als die Musik wieder zu spielen begann und die Gäste mit einem heiteren Tanz rund um die Braut und den Bräutigam feierten.

  Der seltsame fühlbare Widerspruch zwischen dem lebendigen fröhlichen ausgelassenen Tanzen, Singen und der Zwangslage der Braut und des Bräutigams war ein ironischer und sehr bewusster gesetzter Akzent der Regisseurinnen. Eine der Brautjungfern brachte es auf den Punkt: "Was für eine Kultur ist das? Glück, Kraft und Lebenslust auf der einen Seite, auf der anderen Seite Lügen, Unterdrückung unverständliche Verpflichtungen und nebulose Gespräche über die Ehre der Familie. Wenn nicht jeder alles laut sagen darf, wenn eine Frau nicht sagen darf was Sie will, wenn eine Braut nicht sagen darf wen Sie auf Ihrer Seite haben will, dann ist alles eine Lüge - es ist eine Lüge oder was denken Sie?" Sessel rutschen, verlegenes Hüsteln und nervöses Lachen bei den jungen Leuten. Das Publikum konnten die die starken Emotionen fühlen. Es war echtes Theater und es berührte das Publikum.

  "Solche Momente sind unbezahlbar" erklärte Brenner, "das Theater muss wieder einen tiefergehenden Sinn haben als bloß eine Unterhaltung für die Oberklasse zu sein." Mit Ihren Projekten bezweckt Sie aktuelle Themen zu beleuchten und diese dann mit neuen Stilmitteln, mit neuen Formen von Theater weiter zu entwickeln. Der sozio-theatrale Ansatz verbindet professionelle Schauspieler mit Amateuren. Unter den Hochzeitsgästen waren drei Schauspieler die mit den beiden Regisseurinnen und einem Choreographen zusammen mit jungen Menschen des Jugendzentrums VZA das Stück entwickelten und im Ragnarhof aufführten. Dr. Brenner unterstrich die Wichtigkeit dieser Kombination die für dieses Projekt notwendig waren.

  "Die Arbeit mit Amateuren benötigt einen ausgezeichneten Regisseur und Choreographen um nicht bei irgendwelchen Klischees zu landen." warnte Sie. Es benötigt einen außerordentlichen Einsatz um aus jedem mehr als nur Oberflächlichkeiten heraus zu holen.

  Sah man sich um, dann konnte man das Interesse hautnah fühlen mit dem das türkisch- und deutschsprachige Publikum auf den Sesseln oder entlang den Wänden stehend, dem Stück mit gereckten Hälsen folgten - ein Interesse und Teilnahme wie man es sich auf den Balkonen der traditionellen Wiener Theater kaum vorstellen kann. "Wir müssen die Menschen vom Burgtheater zu kleinen Theater bringen um Abwechslung zu haben." sagt Brenner.

  Die so genannte Hochzeit hatte kein Ende, da die Braut verschwand, von Ihrer Hochzeit floh um einer Zwangsheirat zu entgehen. Ein Chaos brach unter den Gästen aus. Die Braut erschien plötzlich wieder um dem Publikum über Ihre Gefühle zu erzählen. Ein leidenschaftlicher Appell in Türkisch wurde simultan in Deutsch auf die Wände projiziert.

  "Wir müssen uns fragen für wen wir spielen, für wen und warum wir uns Ausdrücken?" erklärte Brenner Ihre Leidenschaft für das neue Format. "Hier machen wir Rituale zum Mittelpunkt unserer Performance während wir gleichzeitig das Publikum einbinden".

  So plötzlich wie das Stück begann so endete die Hochzeit auf der Bühne auch. Ein abschließender Applaus, das Publikum geht herum und umarmt die jungen Schauspieler. Aber wer waren nun wirklich die Schauspieler und wer nicht? Aber das macht nichts, Grenzen sind so und so das was man versucht zu überwinden.

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