15 June 2021
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   Cocon KulturvereinArchivBLOG

Art following the Trend? Artists voices (Inhalt von Frau Mag. Reill entfernt ).

Emel Heinreich gab Alexandra Reil / Kanonmedia am 30.Mai.2007  im Rahmen des Zyklus "Art following the trend? Artists voices" ein Interview. Auszüge davon werden hier in Textform wiedergegeben. Die Videoclips sind nicht mehr zugänglich.

 

Anmerkung Bernhard Lascy:
Auf Grund der unabgestimmten Veröffentlichung des Video-Materials auf Kanonmedia seitens Frau Mag. Reill hatte ich das Material von dort auf Youtube ohne Wissen von Frau Heinreich abgelegt um es zumindest dauerhaft zugänglich zu halten. Mag. Reill begehrte die Entfernung des Materials, dass aus einem Projekt stammt dass mit öffentlichen Geldern der MA7/ Stadt Wien und der Bezirksleitung des 7. Bezirkes der Stadt Wien realisiert wurde.Dem Wunsch bin ich hiermit nachgekommen.

Werte Damen und Herren der MA7 und der Bezirksleitung des 7. Bezirks der Stadt Wien, ich bitte Sie in Zukunft darauf zu achten, dass mit öffentlichen Geldern umgesetzte Projekte nach Möglichkeit der Öffentlichkeit erhalten bleiben. Ich bin mir absolut sicher, dass Sie von der Handlungsweise nicht informiert wurden, es ist daher kein Vorwurf an Sie sondern nur eine Anregung die für Budgetvergaben meiner Meinung nach in Zukunft beachtet werden sollte.

 

 

Diese Menschen [jugendliche LaienschauspielerInnen mit migrantischem Hintergrund] - aus dieser Betroffenheit - aus dieser Wärme - wenn eine hohe Qualität auch im technischen und künstlerischen Sinne nicht sichtbar ist, wenn es gerade kein perfektes Kunststück ist, das wir vom handwerklichen Sinne her sehen - trotzdem sehen wir Menschen, die etwas von sich erzählen, darstellen, was ihnen sehr wichtig ist, und aus dem senden sie die ganze Message - und ich glaube sehr stark, dass dies bei manchen Menschen ankommt, und das ist die allerwichtigste Gabe von solcher Kunst, so sehe ich das.
Wenn wirklich eine Betroffenheit sich sichtbar macht, dann wird auch gesehen werden.
Jeder ist ein Individuum und jeder hat ganz andere Geschichten und bewegende Punkte, und wenn man sich bewegt, wenn man tut, das ist das Wichtigste, da habe ich immer Respekt, wenn man aus dem eigenen Material, dem eigenen Grund etwas macht und sich bewegt und dies konsequent durchführt und auch in Kauf nimmt, wenig Geld zu haben und beinhart zu arbeiten und was noch alles - dies alles in Kauf zu nehmen und trotzdem zu tun -  das ist das Einzige, glaube ich.
Wenn du deine Gründe nicht mehr hast, was dich bewegt, bewegen soll, dann kann keiner dich bewegen.
Aber der Widerstand, oder die Alternativpolitik, auch Kunst bleibt immer wieder bei Überlegungen und Alternativlosigkeit.
Alexandra Reill: Es hat sich auch noch keine Transparenz in der Bearbeitung von [Förder-  ]Anträgen [im Bereich Kultur] in Österreich durchgesetzt
Ich möchte mich gar nicht zu dieser Theaterreform …. was in Wien durch diese Theaterreform an Boden zerstört wurde … wir wollen auf der einen Seite lebendige Kunstangebote geniessen, aber andererseits hacken wir ständig die Köpfe ab, wie können auf diesem Boden gutriechende Blumen wachsen, die interessant sind, lebendig sind, farbig sind und immer wieder Bewundern [erzeugen], überraschen und kitzeln, Lachen und Weinen bringen und berühren sollen, wenn wir ihnen nicht die Möglichkeit zum Wachsen geben, auch mit unserer Aufmerksamkeit, auch poltischer Aufmerksamkeit.
Alexandra Reill: Es hat sich auch in den letzten paar Jahren die Förderung der Hochkultur und einer breites Publikum ansprechenden Kultur politisch durchgesetzt, dass weiss man heute, am Anfang noch ein bisschen versteckt, inzwischen haben wir ein Mozartjahr absolviert und die Musical- Landschaft wird immer bunter, und heute erst habe ich in der Zeitung gelesen, das Haydn-Jahr wird jetzt dann ausgerufen, da gibt es schon - da würde ich dir zustimmen - einige Haltungen, die kommerzielle Produktion sehr fördern.
Ich glaube an diese Liebe noch immer, ich bin noch nicht müde geworden davon, auch von diesem Glauben, obwohl freilich kriege ich sehr viel mit aus diesem ganzen sehr destruktiven Umgang mit Kunst und auch von den Auswirkungen.
Und dann wird es erst sehr spannend, wenn man sich gemeinsam auf die Suche macht; man irritiert sich auch gegenseitig, ununterbrochen, und gibt sich Impulse, und diese Impulse sind nicht nur positive Impulse, die man gerne kriegt; in diesem ganzen beweglichen emotionalen Arbeitsfeld passiert sehr viel, und man entdeckt auch neue Steine, um diese eine Brücke zu gehen.
Alexandra Reill: Was bedeutet künstlerisches Schaffen, was charakterisiert es?
Dass man nicht mehr fragt, was passiert mit mir und warum ist das so - ich weiss, hier [in Österreich] ist diese ganze analytische Seite sehr beliebt, wenn man sich emotional erwischt fühlt, darf man sowieso nicht sehr viel werden, [es gilt] überhaupt [als] Schwäche; ehrlich zu sein klingt von vorne an sehr unangenehm und noch dazu spontan Sein und dazu gleich Agieren, Reagieren -  das sind nicht unbedingt angenehme Positionen.
Alexandra Reill: Also hat es etwas mit müssenzu tun?
Genau, dass hat dann einfach mit dieser Unruhe zu tun. und das hat einfach ... die Gemütlichkeit steht dann dort wenn man endlich sagt, wenn man endlich zeigt und wenn man endlich tut ... dann tut es auch gut.
Alexandra Reill: Wo findet Kunst statt?
Wo von uns auch alle sich wirklich in einem Moment von einer Sache ganz erwischt fühlen, von einer Empfindung, von einer Farbe, von einer Frau, von einem Mann … ich weiss es nicht - wo es uns erwischt.
Genau, aber im Endeffekt, auch Kunst lebt davon, ganz egoistisch, ganz elitär, jeder fängt einmal [bei] sich an: wo es mir brennt, wo es mir wichtig ist, und wenn man diesen Kick hat und an sich selbst glaubt und mit sich diese Beziehung geschaffen hat, dann hat man sowieso keine Ruhe mehr …
Aber es gibt auch irrsinnig viele Problemzonen, denen gegenüber wir aufmerksam bleiben sollen und wo wir wirklich auch etwas tun sollen.
Alexandra Reill: Was ist das Wichtige in einer soziokulturellen Produktion, in der man mit sozial benachteiligten Jugendlichen mit türkisch/kurdischem Hintergrund arbeitet?
Wie geht’s euch? Wie lebt ihr? Was passiert in eurem Leben? Wie kommt ihr zurecht unter diesem familiären Ghetto, kulturellen Ghetto? Aber doch - ihr seid teilweise hier geboren und lebt hier, ihr sprecht besser Deutsch als Türkisch oder Kurdisch - also, wie geht es euch da auf der Strasse, in der Schule und wieder zuhause?
Ja, lassen wir einmal diese ganzen Kunstproduktionen und Projekte, in erster Linie - für uns alle, als Mensch - eine gewisse Wichtigkeit zu empfinden - mit der eigenen Identität und dem eigenen Dasein -, das ist für mich der Grundkern der Sache, und ich hatte das Gefühl, dass diese Menschen [jugendliche LaienschauspielerInnen mit migrantischem Hintergrund] - das ist unter keiner Jammerei gesprochen - dass diese Menschen, ob sie da sind oder nicht da sind, macht es nicht sehr viel aus, sie machen die unwichtigsten Rollen in dieser Gesellschaft mit, und versuchen sie möglichst gut zu schaffen, gut anzukommen, und damit bleiben sie halt lebenslang.
Der Titel “Hochzeit” war sehr interessant, sehr anziehend eben [für meine letzte Theaterinszenierung], aber ich wollte nicht unbedingt diese Kulturanimation für das österreichische Auge und Ohr machen, sondern unterdessen schon eine Problemzone zeigen, die sich sehr stark unter [dem Thema] Zwangsheirat zeigt, von der die zweite und erste Generation [von türkischen Einwandererfamilien] sehr stark betroffen sind.
In dem Sinne sehe ich auch nochmals grosse Verantwortung bei dem Geschlechtersinne, -  sehr stark - , Frau zu sein macht noch einmal die Sache sehr wichtig, noch dazu mit der Herkunft, wo ich herkomme, ist die Frauenproblematik sehr markant, ob wir das hier in Österreich sehen oder nicht sehen, nicht spüren; ausser diese Frauen mit vielen Kindern, Kopftuchfrauen, die immer wieder gruppenweise auf der Strasse gehen, diese Menschen haben auch irrsinnig viele Probleme und auch Geschichten in sich, und klar, die Geschichten liegen mir auch sehr nahe und sehr vertraut, in dem Sinne …dass misse ich, aus dem kommen auch die [künstlerischen] Geschichten.
Alexandra Reill: Hat Dich Dein Auswandern von einer Kultur in eine andere in Deiner künstlerischen Produktion beeinflusst?
Das heisst, diese Herkunft bleibt in dem sinnlichen Sinne als Geruch, als Melodie, als Bilder, als Farben, und sonstig macht man einfach weiter, lebt man weiter, macht man das Leben weiter, und wo man lebt und wo man tut, wo man sprürt, wo man kämpft, wo man liebt und lebt eben, da wird das Heim.
Alexandra Reill: Glaubst Du, dass der/die KünstlerIn einen politischen Auftrag hat?
Ja, so wie ich, als Mensch und als Künstlerin in der Gesellschaft, so wie in Österreich hier, in Wien, als jemand, der nicht diese Berühmtheit oder den Geniecharakter oder solche Namhaftigkeit hat, dann finde ich die Sache sowieso absolut notwendig und verstärkend - politisch zu bleiben und auch politische Aufmerksamkeit zu schärfen.
Wenn eine Türkin über die türkische Problematik oder über die türkische MigrantInnenproblematik arbeitet, dann wird man immer eine Budgetmöglichkeit geben, das wird aber immer klein und brav und nebenbei ermöglicht bleiben …
Alexandra Reill: … dass es vorkommt, dass VertreterInnen vorkommen, ja ….
Wir mit immigrantischer Herkunft - Künstler und Künstlerinnen besonders - versuchen, freilich die politische Aktualität von der [soziokulturellen] Thematik auch auszuarbeiten - diese Rolle ist nicht zu ignorieren und auch nicht die Notwendigkeit in Österreich. Das wird auch von allen möglichen politischen Seiten gesehen und akzeptiert  - über diese Menschen muss man auch einiges sagen, und wir wollen auch von ihnen etwas hören. Und freilich, so wie wir dazugehörige Künstler und Künstlerinnen haben, doch positive Möglichkeiten [haben] - aber interessanterweise bleibt immer wieder da: ihr seid halt … du bist aus der Türkei, und du bist von da oder von dort - bleib’ bei deiner Sache.
Aus dieser [angespannten] Stimmung [in der Türkei der 80er Jahre] hierher kommen als junger Mensch …., freilich das Sprachproblem dazu und der Traum, künstlerisch weiter die Tätigkeit zu füllen … - ja, ich habe mich bis dahin soweit entwickelt, dass ich mich noch immer bei diesem Ziel bewege und mir die Möglichkeiten auch in Österreich suche. Meine eigene Identitätsgrundlage - dass ich von einem anderen Land komme, - Frau zu sein macht freilich sehr viel aus - , dass ich auch kulturell wie “religiösisch” aus einem islamistischen Land komme -  das ist auch ein sehr aktuelles politisches Thema in unserem Zeitraum, freilich auch hier in Österreich [mit] der ganzen politischen Entwicklung, auch sehr mit der Kulturbetroffenheit [angesichts] der Kulturpolitik, macht sehr viel aus bei dieser Entwicklung. Und es wird im Endeffekt nicht leicht gemacht, dass man künstlerisch[e Tätigkeit] mit solchen Identitäten weiter realisierbar für sich macht und machen kann und darf.
Ich komme aus einer Generation, wo in der Türkei politisch ein sehr heisser Boden war - 80er Jahre Militärputsch in der Türkei (1980). Danach sind etliche Menschen aus der Türkei weggekommen, bewusst oder nach den zufälligen Wünschen entwickelt -ich bin auch so ein Fall: dass ich irgendwie den Sinn dort verloren hatte und als Frau und als sozusagen linksorientierter junger Mensch - auch die Bewusstseinsebene politisch kann man freilich mit hier nicht vergleichen -, aber wie ich gesagt habe, dass war wirklich ein sehr heisser Boden damals, wo ich mit 16/17 [in der] Gymansiumsziet in Istanbul war und fast jeden zweiten Tag im Fernsehen [zu sehen war, dass] vielleicht wieder ein Bekannter gestorben war oder umgebracht [worden] war oder bei einer Explosion gestorben war, etc. Das war die Stimmung.
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