15 June 2021
   
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
   Cocon KulturvereinArchivInterviews2007-11 Wien International

Die Schauspielerinnen von "Mein Leben mir selbst" bei den Proben im vza - Verein Zentrum Aichholzgasse

Wieninternational sprach mit der Regisseurin Emel Heinreich und der Produktionsleiterin Serena Laker des Stücks „Mein Leben mir selbst“, das am 15. November seine Premiere erlebt. Die jüngste Schauspielerin ist zwölf Jahre alt und muss sich in „Mein leben mir selbst“einer drohenden Zwangsheirat stellen.

 

Sind Ihnen genaue Zahlen von Fällen der Zwangsheirat in Österreich bekannt? Wer ist in erster Linie von Zwangsheirat betroffen?

E.H: Es gibt nach meinem Wissensstand leider keine realistischen Zahlen, da eine unendliche Anzahl von Geschichten im Verborgenen bleiben. Es handelt sich dabei nicht nur um islamistische Länder, sondern vor allem um Länder, wo es vom Ökonomischen her einen schwachen Boden für Frauen gibt.

 

Gibt es Institutionen in Österreich, die sich auf dieses Thema spezialisiert haben?

S.L.: Es gibt einige Institutionen. Zum Beispiel Tamar. Die Interventionsstelle für Gewalt an Frauen oder der Orientexpress. Alle Organisationen, die mit Gewalt an Frauen zu tun haben, greifen das Thema natürlich auch auf.

E.H: Orientexpress hat sich sehr stark auf die Zwangsheirat spezialisiert. Aber auch BetreuerInnen und SozialarbeiterInnen aus den Jugendzentren sind ebenfalls mit der Zwangsheirat-Thematik konfrontiert, weil plötzlich Mädchen verschwinden.

 

Was für einen Beitrag kann oder will ihr aktuelles Theaterstück „Mein Leben mir selbst“ im Hinblick auf dieses Thema überhaupt leisten?

S.L.: Zum Einem wollen wir mit betroffenen Jugendlichen arbeiten, sie für das Thema sensibilisieren, ihnen auch eine Möglichkeit geben, über Traditionen zu diskutieren. Zum Zweiten wollen wir das Thema verstärkt an die Öffentlichkeit bringen. Gerade bei einem Theaterstück hat man die Möglichkeit, kritische Fragen zu stellen.

 

Was ist ihr Zielpublikum?

S.L.: Bei unserem letzten Stück „Die Zwangsheirat“ waren sehr viele Familienmitglieder dort, die konfrontiert wurden mit der Thematik des Stücks und der Aussage. Wir wollen aber auch das österreichische Publikum ansprechen. Es geht uns auch darum, Unwissenheit und Ängste abzubauen. Das jetzige Stück ist stark kulturübergreifend. Es geht nicht nur um islamistische oder türkische Gesellschaften, sondern einfach darum, dass Traditionen und Zwänge, die Frauen unterdrücken, in jeder Gesellschaft stattfinden.

 

Wie war die Resonanz auf „Die Zwangsheirat“?

E.H.: Es war eine einmalige Vorstellung. Über 300 ZuseherInnen sind eine sehr außergewöhnliche Summe für eine Abendvorstellung. Mehrere türkische Medien – von politisch rechts bis links und islamistisch radikal bis liberal - haben sehr positive Meldungen gebracht. Wir haben uns allerdings nicht wirklich getraut, eine Diskussionsrunde zu machen. Ich habe mich als Regisseurin mit diesem Thema und dieser Gruppe auch ein bisschen unsicher gefühlt, im Hinblick auf die Reaktionen der Familien, wenn sie die eigenen Kinder auf der Bühne sehen in kritischen Rollen. Im aktuellen Stück sind wir radikaler mit unseren Bildern und auch, wie wir die Sache thematisieren. Da es sich um ein reines Frauenstück handelt, haben wir uns mehr getraut, tiefer in die Thematik einzusteigen. Wir trauen uns auch mehr im Hinblick auf das Religiöse. Wie sich die Religionen mit diesem System immer wieder vereinigen.

S.L:. Die Religion wird oft als Rechtfertigung verwendet, Frauen zu unterdrücken. Frauen lesen den Koran und da steht beispielsweise nichts von Zwangsheirat. Das Patriarchat ist der eigentliche Grund dafür, dass Frauen versucht werden, bedeckt gehalten zu werden.

Regisseurin Emel Heinreich (mi.) bei den Proben

 

Inwiefern handelt es sich bei den Schauspielerinnen um Betroffene?

S.L: Die jungen Mädchen, die jetzt dabei sind, sind in diesem Sinn nicht wirklich Betroffene, weil sie nicht von Zwangsheirat bedroht sind. Wir haben festgestellt, dass es extrem schwierig ist, an diese Mädchen heranzukommen, weil sie unter der Ägide ihrer Eltern stehen. Die jetzigen Schauspielerinnen sind zwar aus den betroffenen Kulturkreisen, haben aber einen liberaleren Background.

E.H.: Die Hauptdarstellerin ist zwölf Jahre alt. Das ist eine starke Sache. Wenn eine Zwölfjährige ihre Betroffenheit zeigt. Daran erkennt man, wie brutal die Realität ist. Wir erreichen Frauen leichter, die schon geschieden sind, die waren schon betroffen. Sie haben sehr jung geheiratet oder heiraten müssen, weil das Gesellschaftsbild für sie fast unmöglich zu brechen war.

 

Das Thema des aktuellen Stückes ist ja auch „Was tragen Frauen selbst zur Erhaltung der frauenunterdrückenden Tradition bei?“. Wie würden Sie diese Frage beantworten?

S.L.: Wir haben die Metapher: die Flügel werden gebrochen. Das beginnt in ganz jungen Jahren und die meisten Frauen schaffen es nicht mehr, sich daraus zu befreien. Sie haben die Kraft oder den Mut nicht, weil es einfach ein großer Schritt ist. Die jetzige Generation hat es besser, weil die Ausbildung besser und dadurch mehr Selbstständigkeit vorhanden ist. Sie können einen Job finden und sich selber ernähren. Die Muttergeneration hat es schon um einiges schwerer. Den Schritt zu wagen, zu sagen: „Ich akzeptiere nicht, dass meine Tochter zwangsverheiratet wird“, und sich damit der Tradition zu widersetzen und zu riskieren, auf der Straße zu stehen oder massive Probleme in der Community zu haben, dieses Risiko gehen die Wenigsten ein. Traditionen werden einfach so übernommen, ohne hinterfragt zu werden. Das da kein Bruch stattfindet, das ist das, worauf wir hinaus wollen, dass die Frauen „nein“ sagen: Ich habe es erlebt, ich bin verletzt worden, ich mache das nicht mehr mit.

 

Welches Projekt schwebt Ihnen als nächstes vor?

E.H.: Dieses Projekt war sehr spezifisch, hat aber großes Potenzial. In Zukunft würden wir gerne noch mehr in verschiedene Kulturen hineinschauen, auch vermehrt in Frauenhäuser gehen usw. Auch Kindesmissbrauch, Frauenhandel sind ein Thema, da gibt es keine Unterschiede, das findet hier alles genauso statt.

S.L.: Es geht nicht zuletzt auch darum, Forschung in diese Richtung zu betreiben und um Aufarbeitung im künstlerischen Sinne. Theater hat auch einen sozialkritischen Anspruch.

 

Wie kann man ihrer Meinung nach gegen Zwangsheirat vorgehen?

S.L.: Ein Punkt der generell geändert gehört ist zum Beispiel, dass Frauen, die über die Familienzusammenführung nach Österreich kommen und sich später scheiden lassen kein Aufenthaltsrecht mehr haben. Ein weiteres Problem ist das der „Importbräute“, die sich nur in der Community bewegen und keinerlei Zugang zu Informationen haben. Hier sollte es sprachliche Unterstützung geben. Es gibt teilweise schon Vereine, die zum Beispiel Nähkurse anbieten, inoffiziell ist das dann ein Sprachkurs. Auch die finanzielle Absicherung ist wichtig. Die Politik sollte weniger auf Phrasen herum dreschen, sondern mehr Aufklärungsarbeit leisten.

E.H: Das ganze Problem mit der Integrationsproblematik ist, dass man diese auch neu definieren müsste. Zu viele Begriffe, die wir verwenden, sind zu leeren Hüllen verkommen. Man sollte auch manchmal hinterfragen: Was ist Integration überhaupt, was haben wir bisher geschafft? Durch Aufklärungsarbeit findet man auch viele Verbindungen, gemeinsame Ängste, Erfahrungen usw.

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